Lavendelfarm

Also weiter entlang der Weinstrasse, die ihren Namen Ehre machte. Weingüter! Weingüter! Was für ein günstiges Klima muß hier herrschen. So nach ungefähr 20 Kilometern ging eine asphaltierte Strasse nach Norden ab. Zur Bridestowe Estate Lavender Farm. Natürlich schon wieder ein Rekord, da die Lavendelfarm die einzige ihrer Art auf der südlichen Hemisphäre ist. Gegründet 1922 und da die einzige folglich auch die älteste und die größte (48 Hektar). Es war Erntezeit. Die Lavendelfarm ist aber zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Das frische Grün im Frühling, der Schimmer von Purpur im Sommer und das Silbergrau im Winter sind immer einen Besuch wert.

Da ist nämlich noch etwas anderes. Viele Tasmanier nutzen die Farm als Picknickplatz, wobei man im Schatten der breiten Wipfel der beiden 120 Jahre alten Oak Trees, mitten im Lavendelfeld, wirklich gut rasten kann. Auch Tagesausflüge sind beliebt. Folglich wird ein Eintritt, der außerdem zur Besichtigung der Betriebsanlagen und des kleinen Museums berechtigt, erhoben. An der Kasse saß eine junge Dame. Ich ging hin, stellte mich vor und bat um die Möglichkeit, lediglich eine Aufnahme von den Feldern machen zu dürfen.

LavendelfarmUm im Buch die Lavendelfarm zu erwähnen. Natürlich wurde diese problemlos gestattet. Und ich mußte die junge Frau sogar abhalten, den Betriebsleiter zu rufen, der mich sicherlich durch die Farm geführt hätte, auch um die Herstellung des wohlriechenden Lavendelöls zu demonstrieren. Das ist australisches Touristikverständnis! 2005 war ich in Thüringen nochmals auf der Leuchtenburg, weil ich vom Hinterhof noch eine Aufnahme für den Artikel im Buch „Im Lande des Mutz“ machen wollte. Der weibliche Cerberus an der Kasse ließ mich nicht rein. Gegen Bezahlung? Ja! Aber nur für eine Aufnahme, ohne Entgelt? Nein!. So habe ich auf der Leuchtenburg stattdessen das Schild „Donnerbalken“ fotografiert. Das durfte ich ohne Entgelt tun.

Vor mir liegt ein kleiner Zettel mit der provisorischen Reiseplanung für unsere Fahrt zur Ostküste. Und bei Scottsdale stand nur das Wort „Durchfahren“. Welch Glück, dass ich mich im Ort verfahren habe und wir plötzlich am Forest EcoCentre in der King Street landeten. Das wäre für unser Verständnis der Gegend ein herber Verlust gewesen. Das futuristische Gebäude hat drei Etagen und informiert über den Wald und dessen Pflege, über die ersten Siedler und die chinesischen Minenarbeiter, über Pflanzen und Tiere und über die Herausforderung, den Wald effektiver zu nutzen. Die Anlage ist das erste Beispiel für ein Gebäude im „Apsidale“ Stil in Australien.
Apsidale Stil - oder einfach schief?Die halbkreisförmige und polygonale bogenförmige Bausweise ermöglicht eine optimal Lichtdurchflutung der Räume. Eine Apsis ist eigentlich eine Altarnische. Und so hörten wir auch, dass der Bau sogar geweiht wurde. Wenn es denn stimmt.
Es war 1852 als James Scott die Gegend zwischen dem St. Patrick River und der Küste vermessen hatte. „Scotts New Country“ nannte man zunächst das holzreiche Land mit der „besten Erde der Insel“. Gut bewässert und ein mildes Klima, das erkannte Scott schon damals. Ein Aussage, die sich bis heute bestätigt. Ab 1860 gab es von der Siedlung Scottsdale (1858/59) wenigstens eine Strasse, die nach Westen zur Siedling Range führte. Heute ist die Stadt das regionale Zentrum für das Dorset Gebiet und ein landwirtschaftlicher Schwerpunkt im Nord Osten Tasmaniens. Doch zu Beginn der Besiedlung von Tassy lebten hier nur wenige Farmer. Schon 1833 siedelten Janet und Andrew Anderson nahe Bridport. 1839 baute sich Peter Brewer bei „Boowood“ sein Siedlungshaus.

Das heute älteste Gebäude der Region ist leider der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann kam Scott. Und seiner Einschätzung folgten viele schottische und englische Zuwanderer. 1868 hatt Scottsdale schon rund 600 Einwohner! Die brauchten weder eine Polizeistation noch eine öffentliche Verwaltung. Alles regelte sich friedlich untereinander. Ungewöhnlich für die Kolonie. Aber in Coral Bay in WA haben wir noch heute eine ähnliche Struktur erlebt. Doch der Name Scottsdale setze sich erst durch, als 1889 die Eisenbahnstrecke von Launceston den Ort erreichte. Früher nannte man den Ort Cox’s Creek oder auch Cox’s Paradise. Weil der Siedler Cox nicht müde wurde, überall die Vorzüge der schönen Gegend zu preisen. So sind auch die Namen Heazlewood und Heazleton entstanden. Das gemütliche und beschauliche Leben änderte sich schlagartig, als 1879 Gold und Zinn gefunden wurden. Nun kamen Miner in das Gebiet, lohnte sich der landwirtschaftliche Anbau mehr und wurden die vorhandenen Wege je nach Bedarf erweitert. Die Arbeit der Miner war sehr hart. Zunächst wollten kaum Europäer hier schürfen. Das war der Beginn der großen Zuwanderung von hauptsächlich chinesischen Arbeiten nach Tasmanien.

Die Chinesen bildeten unter den Pionieren der Anfänge die größte Gruppe der Nichteuropäer. Ein Beispiel. 1881 arbeiteten in Tassy 874 Chinesen. Davon aber nur wenige in den Minen. 1891 waren es über 1000 Chinesen und der Prozentsatz chinesischer zu weißer Minenarbeiter war gleich. Die Arbeitsplätze der chinesischen Zinnminenarbeiter zogen sich wie ein roter Faden von Launceston nach St. Helens. Über die Lilydale Road bis Scottsdale und von dort am heutigen Tasman Hwy durch Branxholm, Derby und Weldborough. In der 41seitigen Studie von Helen Vivian von 1985 wird die fast in Vergessenheit geratene Geschichte der chinesischen Pioniere wieder aktuell.