Heimat des Wahnsinns

In Derby leben 150 Einwohner. Aber jedes Jahr im Oktober treffen sich über 15000 Australier zum großen Schlauchbootrennen der besonderen Art auf dem Derby River. Wegen dieses Rennens nennen die Australier den Ort Derby die „Heimat des Wahnsinns und des Chaos“.

Über die Vergangenheit gibt es ein sehr interessantes Gedächtnisprotokoll, das der Sender ABC 2003 mit Veteranen von Derby und Branxholm aufgezeichnet hat.
Kurz vor Moorina kann man auf der B82 weitere historische Minenortschaften besichtigen und durch den Mount William NP bis zum Eddystone Leuchtturm (1889) an der Ostküste fahren. Der Bau war notwendig, da in den frühen Jahren der Besiedlung viele Schiffe an der Küste verunglückten. Heute ist der Leuchtturm nicht mehr besetzt und ist auch nicht von innen zu besichtigen, Allerdings wurde er wegen seiner ungewöhnlichen Granitstruktur von der australischen Kulturerbe Kommission gelistet. Die Gegend ist vielleicht deshalb auch interessant, weil eine traditionelle und bekannte Wanderstrecke, The Bay of Fires Walk, hier beginnt.

Und so arbeitet man weiter daran, bestimmte „Points of interest“ für die Touristen zu erschließen und zugänglich zu machen. Dazu gehört auch der alte Friedhof von Moorina. Eigentlich ein Friedhof für Weiße, der älteste Grabstein, den wir fanden, stammt von 1884. Dass man vom „Chinesischen Friedhof“ spricht liegt daran, weil hier ein chinesisches Monument, eigentlich mehr ein Altar, errichtet wurde. Ein Kegel, der auf einen grauen Quader steht. Die Erinnerungstafel, gestiftet von den Chinesen aus Garibaldi, Arcus und Moorina, ehrt die Arbeit der Vorväter und erinnert daran, dass die Lehre von Konfuzius die Neuankommenden schnell mit den schon hier Wohnenden zur Gemeinschaft verschworen hat. Die Weiterfahrt nach Weldborough geht über bergiges Gelände mit vielen Kurven. Immerhin ist der Myrtle Hill 373 Meter hoch. Uns fallen die vielen Biker auf, die ohne Rücksicht auf Gegenverkehr oder Spurtreue, an uns vorbei fahren. Vor einer Gaststätte in Weldborough stehen unzählige Maschinen. Davor bärtige junge und ältere Männer, die alle grimmig vor sich hin schauen. Das soll wohl Coolness bedeuten. So sind wir nicht, wie eigentlich geplant, in „Tassies worst Pub“ eingekehrt.

Tassies worst PubHaben wahrscheinlich auch nicht viel verpasst. Obwohl man im Pub manche lokale Geschichte erfahren könnte. Aber vorbei an der grimmigen Bärtigen, die den Eingang bewachten? Lieber nicht.
Stattdessen sind wir wenigstens am Pass noch den Rainforest Walk unter den Wipfeln der Myrtle Tree gelaufen. Mitten in diesen „Urwald“ soll Tasmaniens dickster Baum (Umfang 20 Meter) stehen. So weit sind wir aber nicht gegangen. Vom Pass führt die Strasse nun steil hinunter. Vorher aber noch stehen wir auf dem Little Plains Lookout und schauen in diese tief unter uns liegende Pyengana Valley, durch das wir bald nach St. Helens fahren werden. Vorbei an gesunden Wiesen geht unsere „Abfahrtstrecke“ nach Pyengana. Ein Radtourist hat mir in St. Helens gesagt, dass das weltweit die beste Radabfahrt für Touristen wäre. Eigentlich ist Pyengana ein kleines Nest. „Platz, wo sich zwei Flüsse treffen“ nennen die Ureinwohner den Ort. Hier gibt es jedoch einige Besonderheiten, die vom einfachen Durchfahren abhalten. Da wäre zum einen die Käsefabrik, bei der man so um die Mittagszeit die Käseherstellung miterleben kann. Die Häuser des Ortes sind fast alle renoviert. Nicht schlecht dieser malerische Kontrast untereinander. 1995 war der Ort in aller Munde, weil dort angeblich ein Beutelwolf gesichtet wurde. Hat sich aber nicht bestätigt. Wir fahren noch am „Pub in the Paddock“ vorbei, wo uns ein Bier trinkendes Schwein, das Maskottchen Priscilla, begrüßt. Hier wird seit 1880 Bier ausgeschenkt. „Und ihr könnt Priscilla fragen“ sagt der Wirt. „Sie mag unser Bier!“

In den Wäldern um den Ort liegen noch die Maschinenreste der ehemaligen Miner herum. Auf einer Nebenstrasse fahren wir rund 12 Kilometer zum höchsten Wasserfall Tasmanien, den St. Columba Wasserfall. Aus 90 Meter Höhe rauscht das Wasser des nie versiegenden Falls über verschiedene Ebenen, die der stetige Wasserdruck  zum Teil schon leicht ausgehöhlte, hinunter.

St. Columba WasserfallVom Parkplatz sind es rund 10 Minuten leichten Weges unter hohen Farnen zum Wasserfall.
Wer viel Zeit hat kann auf der Weiterfahrt in Richtung St. Helens, kurz vor der Überquerung des Ransom River, die Nebenstrasse nach Lottah nehmen. Nach wenigen Kilometern kommt ein Landstrich, der in den Karten als Goulds Country eingetragen ist. Hier entdeckte der Geologe James Gould 1860 jenes fruchtbare Land, das sich besonders für Milchviehwirtschaft eignete. Schon 1900 lebten 400 Menschen hier. Goulds Country und das 3½ Meilen nördlich gelegen Lottah (Eucalyptus oder Gummibaum) waren soziologisch und ökonomisch eine Einheit. Und die großen Zinnminen bedingten, dass auch viele Chinesen hier arbeiteten. Davon zeugt des weiterem die zweite Sehenswürdigkeit beim Erreichen von Goulds Country.

Die Union Kirche mit Gräbern vieler Chinesen. Für viele der Nachkommen dieser ersten Pioniere blieb „The Traveller Rest Hotel“ ein öffentliches Haus und der Träger oder Bewahrer des Geistes der Country Bevölkerung. Das Gebäude überstand 70 Jahre Regen, Sonne und Staubstürme. Als Mahnung und Erinnerung für alle. Denn nunmehr schätzt die tasmanische Regierung ein, dass eben dieses Goulds Country ein Musterbeispiel für das gute und unverfälschte frühe Tasmaniens sein soll. Als die Menschen eine Seite aussuchten und dort einen Pub bauten oder einen Shop oder ein Wohnhaus. Man will den Ort, so wie er heute ist, für die Nachwelt erhalten.
Weitere acht Kilometer nördlich gelangt man zu Blue Tier. Ein Bergplateau, wo die Minenarbeiter wie Bienen herum schwärmten. Die Pioniere nannten dieses Gebiet nur Zinnberg. Heute ein ist es ein Wanderer Paradies. Aber das muß jeder sich selber erlaufen.

Über eine schier unendliche Tiefebene näherten wir uns der Ostküste. St. Helens als größte Stadt im Norden der Ostküste hat 3500 Einwohner und vielleicht noch ein Mal die gleiche Zahl Touristen.
Nach einer langen Zufahrt vorbei an vielen kleinen Häusern kamen wir ins Stadtzentrum, das sich gleich hinter dem Hafenbereich befindet. Die ausgelobten Unterkünfte hatten alle utopische Preise. Wir fanden aber im Caravan Park eine sehr schöne „en suite Cabin“.

St. Helens HafenNatürlich ist auch St. Helens eine Hauptstadt. Nämlich die „Hauptstadt der Sportfischer“. Es dominiert die Hochseefischerei. Aber auch Langusten, Seeohren und Schuppenfische werden gefangen und verkauft.
Touristik, Fischerei und Holzhandel sind die Standbeine des Ortes. Und der Hafen an der George Bay, wo der George River ins Meer mündet, bietet beim Abendspaziergang in der Ruhe der Dämmerung ein sehr friedliches Bild.