Diese kahle Wildnis ist aber erst der Anfang der Wilderness Tour. Von einem Lookout bietet sich ein toller Blick zurück, auf die Niederung, von der wir gekommen sind. Sogar hier auf der Höhe wurden von den Bergbächen betriebene Wasserräder gebaut. Wie bei einer alpinen Tour de France Etappe touren auch wir nun, immer in Serpentinen, hinauf und hinunter. Ein Schild vermeldet uns, es sind noch 119 Kilometer bis Smithton. Und es wird dem Touristen der Long back Walk angeboten. Natürlich sind wir den Trampelpfad ein Stück gegangen. Tolle Aussichten. Sowohl in die Ferne als auch in der Nähe. Dazu der weiße gewundene Weg, den wir nach oben gefahren sind . Neben uns und hinter uns in der Tiefe diese schier undurchdringlichen Täler. Aber nach etwa 1½ Kilometer sind wir wieder umgekehrt. Wir kannten den weiteren Weg nicht, wussten nicht, was uns da erwartet und hatten noch viel vor. Hier auf der Höhe nahm die Vegetation natürlich rapide ab. Alpiner Bewuchs. Bei der Talfahrt waren wir sehr überrascht einem Truck zu begegnen. Der fuhr aber vorsichtig und grüßte sogar.
Erstaunlich! Vor 5 Minuten durchfuhren wir noch die spartanische Kargheit des Hochgebirges und jetzt sind wir in der grünen prallen Fülle der Niederung. Auf einem kleinen Parkplatz mit Rasthaus steht ein Van. Die Fenster sind verhängt. Die Besitzer scheinen noch zu schlafen. Es ist ja auch erst 10.00 Uhr. Nach einem weiteren kleinen Stück Weg erreichen wir den Donaldson River. Zeit auf der Picknick Area eine kurze Rast einzulegen. Ich bin vom Parkplatz zum Fluss hinunter geklettert, um die glatten Stromschnellen und Bäume im Wasser besser zu sehen. Das Wasser ist eiskalt und natürlich braun.
Diese Wilderness Route vermittelt durch die scheinbare Undurchdringlichkeit der Niedergewächse in der Umgebung der Flüsse und die deprimierende Kargheit der Gipfelbereiche, mit dem stetigen Wechsel zwischen tiefen Tälern und steilen Bergen einen tollen nachhaltigen Eindruck. Eine Strecke zum Genießen und nicht zum Rasen. Das sah aber unser Freund von der Fähre sicher anders. Denn erneut jagte er mit seiner Familie und dem Hänger, leicht schleudernd, auch noch bei einer Abfahrt, an uns vorbei. Aber alle Vier winkten. „Winkend in den Tod“ das wäre doch ein toller Buchtitel, wenn wir die vier nachher in der Tiefe einer Schlucht sehen, dachte ich laut vor mich hin. Das brachte mir natürlich einen Verweis meiner Frau ein. Ich solle gefälligst nicht so übler Gedanken äußeren. Nun sind es noch 99 Kilometer bis Smithton. Und unsere Serpentinenfahrt geht weiter. Etwas ist mir bei den Blicken von der Höhe der Plateaus aufgefallen. Die Berge am Horizont sehen aus, als würden sie in einer Reihe stehen. Bluff! Bald sind wir wieder unten. Hier wachsen bis zu 50 Meter hohe Bäume. Und dazwischen der dichte Niederbewuchs. Man stelle sich vor, hier müsse man mit Machete oder Axt durch, um Land zum Besiedeln zu finden.
Oder unbekanntes Gebiet zu erforschen. Oder Wege zu den Ufern zu finden. Was für eine Leistung! Es scheint die Zeit der Hochsaison für die Schmarotzer zu sein. In einer Ebene haben sie alle Bäume einschließlich deren Äste mit grünen „Stulpen“ überzogen. Beim Schild 79 Kilometer bis Smithton hielten wir kurz an. Toll dieser Blick von der Höhe in das Tal und zu den anderen Hochebenen, von denen wir gerade kamen. Weit und breit kein Besucher, kein Fahrzeug. Bei jeder Abfahrt genossen wir ein neues, anderes Panoramabild. Dann überfahren wir den Lindsay River. Vor uns der Mount Franklin (447 m), westlich der Mt. Balfour (436 m). Wind und Regen haben den „grünen Überzug“ der Berge zum Teil bis auf den Basalt abgewaschen. Das sieht dann so aus, als ob von den Niederungen Strassen hinauf auf die Gipfel führen würden. Irgendwann und irgendwo müsste Balfour kommen.
Da sehen wir rechts ein Wasserloch. Eindeutig künstlich angelegt. Mit Steinen zur Uferbefestigung, einem alten Holzgestänge. Gegenüber ein Stein- und Ziegelhaufen. War oder ist das Balfour? Immerhin lebten hier früher Goldgräber. Sicher heute eine Geisterstadt, an der sich jedoch viele Tracks in und aus der Umgebung, so auch der Balfour Track Rainforest Walk, treffen. Wir sind wieder auf einer Hochebene und dürfen 100 Kmh fahren. Immerhin gab es für zwei Kilometer mal wieder Asphaltstrasse. Jetzt sind es noch 59 Km bis Smithton. An der Kreuzung zur C214 verzichten wir auf die Fahrt zur unwirtlichen Westküste Tasmaniens. Nach Couta Rocks, Arthur River und Marrawah. Eine ziemlich wilde Gegend. Die Roaring Forties vernichten mit den hohen Wellen sogar die Vegetation des Meeres. Nur Seetang, der bis 60 Meter hoch wächst übersteht das. Und dazwischen tummelt sich der Fetzenfisch. Hier ist Rinderzucht ein teueres Unterfangen. Wegen der Knappheit an Weideflächen müssen die Rinderzüchter jährlich pro Rind rund 30 Dollar an den Staat zahlen. Nur so gelang es die Herden klein zu halten und die Grasvegetation zu schützen. Aber das wollten wir nicht besichtigen. Und das dazwischen liegende administrative Zentrum der Region Smithton war auch nicht mehr unser Endziel.
Deshalb ging es weiter auf der C214 in Richtung Edith Creek. Bald kam die kurioseste Kreuzung Australiens. Vor der Kanunnah Bridge gibt es einen Kreisverkehr, von dem Abzweige zu Naturschutzreservaten, zu einem See, zum einem Forest Walk und nach Irishtown, unseren nächsten Ziel, abgehen. Nach der zweiten Runde hatte ich das Prinzip verstanden, bin richtig abgebogen. Auf die C218. Aber nur, weil wir allein waren. Ob die Verantwortlichen für diesen Kreisverkehr auch die Einbahnstraßenregelung im Stadtzentrum von Brisbane geplant haben? Sicherlich.
Jetzt waren wir raus aus der Wildnis. Die ziemliche flache Gegend bot gepflegte kleine, weit auseinander liegende Anwesen, Wiesen, eine geschlängelte Strasse und viele Objekte zum Verkauf. Alles ziemlich langweilig nach der Tour. Bis vielleicht auf das einzeln stehende Haus am Wegesrand, dessen Toreinfahrt zwei steinerne Adler wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten zierten. Das ist das saftige Milchwirtschaftland der Duck River Niederung.
Seitdem wir auf der C214 fuhren empfanden wir, dass alle Trucks Tasmaniens, besonders seit Edith Creek, beschlossen hatten, uns entgegen zu kommen. „Da mußte irgendwo ein Nest sein!“ Die wohl genährten Rinder auf den Wiesen schien der Verkehrslärm, nicht zu stören. In Irishtown arbeitet eine große Molkerei. Das war die Auflösung des Rätsels um den dichten Straßenverkehr. Ab Smokers Bank waren es noch 25 Kilometer bis Stanley. Und mein erster Eindruck: „Flinders hatte 1798 Recht. Circular Head („The Nut“) ähnelt wirklich einem verunglückten britischen Weihnachtskuchen.“ Auf alle Fälle ist der 143 Meter hohe Steinklotz aber eine sehr dekorative Landschaftsbereicherung.