William Lanney

„Die Geschichte kennt kein Beispiel, wo ein ganzes Volk durch eine so humane und nachsichtige Politik entfernt worden ist“ sagte Robinson 1838 auf einem Vortrag in Sydney. Was für ein Zynismus! Zu dieser Zeit lebten in seinem Ghetto Dorf noch 86 Tasmanier. Was diese Menschen wert waren? Davon zeugt, dass man 1839 viele Skelette wieder ausgrub und sie an Wissenschaftler verkaufte.

1847 durften die übrig gebliebenen 47 abgestumpften, dahin siechenden Menschen, in das Reservat Oyster Cove bei Hobart zurückkehren. Das war aber keine humane Entscheidung der britischen Kolonialbehörde, sondern die Reaktion auf eine Petition an die Königin. Alkohol und Grippe als Haupttodesursachen reduzierte die Zahl der Überlebenden bis 1858 auf noch 15. Und bald blieben nur noch drei. Und um die entbrannte schon zu Lebzeiten ein Wettlauf der Wissenschaftler um deren Körper. Unglaublich!

Es liest sich wie ein Horror Roman, was britische „Ärzte“ mit dem Leichnam von William Lanney, dem letzten männlichen tasmanischen Ureinwohner machten:
Vorsichtig skalpierte Doktor Crowther den Kopf des verstorbenen William Lanney und reichte den enthäuteten Schädel des Schwarzen wie verabredet durchs Fenster an einen Kumpan. Dann ging er in den benachbarten Sektionsraum, köpfte die Leiche eines Weißen, griff wieder zum Skalpiermesser, schnitt den Schädelknochen heraus und steckte ihn in die Kopfhaut des Schwarzen.

Kurz nachdem Crowther das Krankenhaus verlassen hatte, betrat der Chirurg Doktor Stokell die pathologische Abteilung. Dort fand er Lanneys blutverschmierte Leiche “mit einem Schädel, der locker in der Haut rollte”, wie er später vor einem Untersuchungsausschuss aussagte. Das geschah am Freitag, dem 4. März 1869, in Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens.
Am Samstag kehrte Doktor Stokell ins Leichenhaus zurück und hackte dem toten Lanney Hände und Füße ab, und noch am selben Tag wurde die verstümmelte Leiche beerdigt. Doch schon am Abend begab sich der Chirurg zum Friedhof, um sie wieder auszugraben und auf einer Schubkarre wegzuschaffen. Am Montag danach, so berichtete Stokells Kollege Crowther nun seinerseits dem Untersuchungsausschuss, habe das Hinterzimmer der Pathologie ausgesehen wie ein Schlachthaus, überall Blut und Fett: Stokell hatte William Lanney auf sein Skelett reduziert.

Grund des makabren Zanks zwischen den beiden Ärzten war die Leiche des letzten männlichen tasmanischen Ureinwohners. Crowther arbeitete für das Royal College of Surgeons in London, das vor allem an dem Schädel interessiert war. Sein Widersacher Stokell stand im Dienst der Royal Society of Tasmania, die für ihr Museum in Hobart ein komplettes Skelett begehrte. Anthropologie und Ethnologie steckten in ihren Anfängen.