Robinson

Und noch heute gibt es Sydneysider, die Robinson für einen verkannten und zu unrecht verachteten Wohltäter halten. Und sie leugnen auch, dass zurzeit der oben angeführten Rede nur noch 86 Tasmanier in dem Ghetto lebten, dass man 1839 viele Skelette wieder ausgrub und sie an Wissenschaftler verkaufte.

Bei einer meiner Buchlesungen ist es deshalb wegen der maßlosen Erregung einer Lehrerin aus Manly, einer Deutschaustralierin, beinah zum Eklat gekommen. „Üble Nachrede und Lüge!“ rief sie aus. Was soll man gegen solche Geschichtsverbiegung sagen? Eine Deutsche, die wahrscheinlich die Vergangenheit im ehemaligen Land auch leugnet?

Aber Robinson wurde ob dieser so positiven Darstellung 1839 zum Hauptprotektor der Ureinwohner von New South Wales, der Region um das heutige Sydney, ernannt. Er nahm Truganini und 10 weiter Ureinwohner mit nach NSW. Hat sich seitdem nicht mehr um das Schicksal der „Verdammten“ auf Flinders Island gekümmert. Zusammen mir zwei Frauen und zwei Männern floh Truganini aus der „Obhut“ Robinsons. Sie wurden zu Buschräubern.

Wegen Mord an zwei Walfängern in der Port Phillip Gegend nahm man die Bande fest. Beide Männer wurden gehängt, die Frauen freigesprochen und zurück ins Reservat Flinders Island geschickt. Das war 1842. Seitdem siechten die „freiwilligen Übersiedler“ dort vor sich hin. Nach einer Eingabe an die Queen ließ man 1847 die letzten 47, dort noch abgestumpft dahin siechenden, Menschen zurückkehren In das Reservat Oyster Cove bei Hobart. Alkohol und Grippe waren die Haupttodesursachen. 1858 lebten noch 15 und bald waren nur noch drei. Und um die entbrannte schon zu Lebzeiten der erwähnte „Wettstreit“ der Wissenschaftler um deren Körper.

Ich glaube, dass die Zeit ab 1847 zu der menschlich bedeutsamsten Periode im Leben von Truganini gehört. Sie zog mit den anderen in die verlassenen Unterkünfte bei der Oyster Cove auf dem tasmanischen Festland. Natürlich waren die Bedingungen zum Leben zu wenig und zum Sterben ein kleines Bisschen zu viel. Aber man war wieder auf Tasmanien. Erlebte die vertrauten Strände, konnte im Sand sitzen, Muschel sammeln und in Erinnerungen schwelgen. Es war wieder Heimatluft, die man einatmete. Sie versuchte wenigstens durch Zuspruch und Beispiel das Elend und die Not der anderen zu lindern. Mußte aber zusehen, wie einer nach dem anderen neben ihr verstarb.

Manche sagen, dass dies ihr wieder Kraft gegeben habe, denn sie war die letzte Überlebende der Gruppe.
Noch auf Oyster Cove heiratet sie ihren dritten Mann, William Lanney. 1869 verstarb William. Er war der letzte männliche Ureinwohner. Über das unrühmliche Theater mit seinen Leichnam habe ich hier schon berichtet.
So kam Truganini 1873 nach Hobart, wo sich ein Freund um sie kümmerte.