Chain of Time

Über Nubeena sind wir zur Westküste der Halbinsel gelangt. Hier werden zwei romantische Strände zum Baden empfohlen. Danach war uns nicht. Noch standen wir unter dem Eindruck, wie sehr Menschen andere Menschen demütigen, ausbeuten und in den Tod treiben können. Und wir ahnten noch nicht, dass der Besuch des Historische Kohlenminengebietes unser Erschrecken noch verstärken würde. Zunächst fuhren wir mit ständigem Blickkontakt zur Norfolk Bay und der gegenüber liegenden Forestier Halbinsel zur Mine. Eine Gegend so schön wie aus einem Bilderbuch. Das meinte auch der kleine Hase, der auf der unbefestigten Strasse saß und uns mit Interesse entgegen sah. Und als ich ihn fotografieren wollte verschwand er im Busch. Die Coal Mine ist eine der sieben Sehenswürdigkeiten des Convict Trails. Mehrere Wege werden als Rundgang zur Besichtigung angeboten.

Wir betreten die Erinnerungsstätte über einen künstlerisch als Eintrittspforte umgestalteten Grubenschacht mit zahlreichen Informationen an den Wänden. Eine Kette, die Chain of time (Zeitkette) genannt wird, soll den Vergänglichkeit der Zeit im metrischen Maß versinnbildlichen. Jeder Meter der Kette steht für fünf Jahre Historie. So hat man 300 Jahre Geschichte auf 60 Kettenmetern eingeteilt. Und dabei besonders den Zeitabschnitt 1831 bis 1922 sehr detailliiert beschrieben. Um mit dem prähistorischen Zeitpunkt zu beginnen müsste die Kette 12 Kilometer unter die Erde.
Coal MineDer Platz der ehemaligen Mine ist ziemlich verwüstet. Weil die Gebäude nach der Schließung 1848 allmählich verrotteten, holten sich die Siedler alles, was sie brauchen konnten. Nach Gründung der Gefangenkolonie entdeckte man 1831 diese Kohlelagerstätten. Und 1834 begann der Abbau. Die Warnungen von Bergbaukommissionen, wie 1837 von Dr. Lhotsky, über die erheblichen Mängel bei den Sicherheitsvorkehrungen, missachtete die Aufsichtsbehörde. Im Gegenteil. Man intensivierte den Abbau. 1845 bewachten 27 Militärpersonen 567 Gefangene, die hier arbeiteten. Außerdem lebten hier noch 125 Zivilisten, 14 Frauen und 90 Kinder. 11.375 Tonnen Kohle wurden in diesem Jahr gefördert und über den Seeweg leicht abtransportiert. Doch schon drei Jahre später war die Kohleabbau für die Regierung uneffektiv. Die Mine wurde geschlossen. Private Investoren produzierten noch bis 1880 weiter. Dann brachte Jacob Buden die Schafe in die Region. Das war ein lukrativeres Geschäft.
1971 wurden 214 Hektar zum historischen Kohlminengebiet erklärt. Die Kette endet beim Jahr 2000.

Diese unmittelbare Konfrontation mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Häftlinge ist bedrückend. Die Bedingungen für Strafgefangne waren hier bedeutend schlimmer als ein Leben im Port Arthur. Noch lange dachte ich sehr bewegt an meinen Gang durch den Isolationstrakt, der 10 Einzelzellen hatte. Absolute Dunkelheit. Gewinkelte Luftschächte, damit kein Licht in die Zellen fallen konnte, So eine Isolierzelle hatte die Maße von 2,50 mal 1,20 Meter. Welche Menschenverachtung! Ich bin noch heute, wenn ich an die Strafgefangenenanstalten in Tasmanien denke, genauso erschüttert und empört, wie nach meinem ersten Besuch im Konzentrationslager Buchenwald.

Ein weiterer Aspekt war in den Kohleminen der Arbeitsschutz. Auf einer Tafel steht, dass der Sträfling George Froggart mehr in Isolierhaft saß als dass er in der Mine arbeitete. Für ihn waren die Tage in der Dunkelheit sicherer als die gefährliche Arbeit in der Mine.

Welche Hilfeschreie aus der Not! Welche schlimmen Einzelschicksale! In den abgelichteten Auszügen aus Briefen aus Briefen an den Superindenten offenbart sich die gesamte Unmenschlichkeit des britischen Empire. Und sie bestätigen die Schlussfolgerung der Aborigines im Sydneyer Raum 1888, nach der Landung der First Fleet. „Wenn die Weißen zu ihren eigenen Brüdern schon so grausam sind, was haben wir dann erst von denen zu erwarten!“