Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass es über Nacht geregnet hatte. Die Sicht war noch diesig, leichter Nebel lag auf dem George Bay. Wir wollten den St. Helens Point am südlichen Ufer der Bay besuchen. So fuhren wir im leichten Sprühregen in den St. Helens Point NP. Die Küstenstrasse war asphaltiert und lag im Seeniveau. Aber die andere Seite der Bay war kaum zu erkennen. Durch die kleine Ortschaft Stieglitz, von der noch zu erzählen ist, immer vom küstenspezifischen Niederwuchsgestrüpp begleitet, kamen wir zu den Peron Dunes.
Das ist eine kilometerlange und rund 500 Meter breite Sanddünenformation, die zwischen der Bay und der tasmanischen See liegt. Ein bis ins Hinterland reichendes, mehrere Hektar großes, aber doch schon bewachsenes Sandgebiet. Übrigens für Autos verboten! Deshalb sahen wir wahrscheinlich auch die vielen Reifenspuren im Sand. Aber natürlich. Es ist hier wie bei den Henty Dunes nahe Strahan. Das Fahren mit einem Buggy wird von Veranstaltern organisiert. Die Dünen sind zum Teil bewachsen. Ob sie aber wirklich 20 Meter hoch sind? Da müsste man wohl einen der Sandboard Surfer fragen. Ein hier ebenfalls beliebter Sport. Doch von denen war in den so frühen Morgenstunden keiner da. Wir sind eine ziemlich lange Strecke durch den Sand entlang des Ozeans gelaufen. Der Nieselregen hatte aufgehört, aber bis zu zwei Meter hohe Wellen rollten weiter zum Strand. Das ist immer wieder ein erhebendes Gefühl, so eine Strandwanderung in Australien am frühen Morgen. Du bist allein mit der Unendlichkeit des Sandes und des Ozeans.
In Richtung zur Bay Seite findet man den Blanche Point. Hier ist das Geheimnis für das stetig tiefe und ruhige Wasser in der George Bay. Ein künstlich angelegter 680 Meter langer Steinwall, der 20 Meter in die freie See hinaus ragt. Während in der Recreation Area neben dem Wall zurzeit Ebbe ist, verlaufen sich die Wellen, gebrochen vom Steinwall ruhig in die George Bay. So geschieht der Wechsel zwischen Ebbe und Flut in der Bay scheinbar unbemerkt. Das ist natürlich gut für die Schifffahrt. Ein Sandweg auf dem Steinwall führt bis zur Blanche Point, wo ein Lichtsignal den Schiffern anzeigt, wo die rechte Einfahrt in die Bay ist.
Als 1773 Furneaux hier anlegte, dachte er, eine Landbrücke zum Festland Terra australis gefunden zu haben. Dies widerlegte sein Astronaut William Baglay, als er bei Ebbe über die heutige Bay auf die andere Seite marschierte.
Der erste europäische Siedler in der Gegend war 1830 George Buton. Und so begann die Vertreibung der Ureinwohner auch im Nordosten Tasmaniens.
Noch ein kurzer Blick auf Blanche Beach, dann ging es weiter mit dem Auto zur Burns Bay. Zu diesen Punkten gehen jeweils Sandwege von der durchgehenden asphaltierten Strasse ab, auf die man jedes Mal abbiegen muß. Bei Burns Bay befindet sich ein großer Parkplatz. Und viele Autos mit Booten auf den Anhängern. Aber zunächst trauten sich die Bootsfahrer wegen der relativ hohen Wellen und dem aufkommenden Nebels nicht, die Boote ins Wasser zu bringen. Wir sind einen vorgegebenen Fußmarsch über den St. Helens Point, wieder entlang der Küste zum Beerbarrel Beach gelaufen. Nach 650 Metern kam der Wegweiser, der zum Beach führen sollte. Keine gute Idee am heutigen Tag. Aber der Höhenweg war schon phantastisch. Wieder der Blick auf die zerklüftete Küste mit den rot gestreiften Steinen. Da störte auch das stachlige Gesträuch nicht so sehr. Bald kam ein Hinweis auf einen Trampelpfad zum Point. Der Pfad endete blind zwischen dornigen und stachligen Sträuchern. Und nach unten war wegen des Gestrüpps auch nichts zu sehen. So standen wir nun am angeblich östlichsten Punkt der Insel Tasmanien. Die müssen beim Abmessen auch die Steine im Ozean mit einbezogen haben. Denn laut Karte scheint mir liegt der Eddystone Point ein paar Meter weiter östlich zu liegen.
Und auf der Rückfahrt nach St. Helens verließen wir, wie uns ein Blick von der Golden Fleece Bridge in die Bay bestätigte, eine dicke undurchsichtige Nebelwand. Dort wo wir vor einer Stunde noch spazierten.
Am Nachmittag hellte es plötzlich auf. Wir hatten noch etwas eingekauft und bemerkten dabei ein kleines Volksfest im Hafenbereich. St. Helens hatte an diesem Tag seinen Axeman Wettstreit. Kräftige junge Männer zerlegten mit Erfahrung und dosierter Kraft vorgegebene Stämme in Einzelteile. Im Hintergrund drehte sich ein Karussell, Aussteller boten ihre Produkte an. Es war ein buntes lustiges Treiben auf der Esplanade. Es hat uns alles sehr gefallen, bis es einen kleinen Missklang gab. Eine Vertreterin der registrierten politischen Partei „Citizens Electoral Council of Australia“ versuchte uns in ein Gespräch über die australische Politik zu ziehen. In der derzeitigen Periode der Partei hatten die sich auf den ehemaligen Vizepräsidenten der USA Richard Cheney eingeschossen. Ja! Wir teilten durchaus ihre Meinung, dass er einer der Strippenzieher für den Irakkrieg war. „Natürlich gibt es dafür auch in Australien zwei mächtige Handlanger, nämlich PM Howard und Kim Beazley“ argumentierte die Dame weiter.
Nun kann es als Gäste in Australien nicht unsere Absicht sein, zu innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen Australiern Stellung zu beziehen. Doch die von dem Amerikaner LaRouche als internationale Bewegung organisierte Gruppierung versucht in vielen Ländern, auch in Deutschland, so genannte „Bush Mitläufer“ anzuprangern. Vielleicht haben sie Recht. Aber als die Dame John Howard als den australischen Premierminister für Folter, Krieg und Faschismus bezeichnete, war für uns der Disput beendet. Wir empfahlen ihr, sich mit dem Faschismus, den wir in Deutschland in schlimmster Ausprägung ja von 1933 bis 1945 erleben mussten, intensiver zu beschäftigen, bevor man eigenen Politiker mit solchen Worten tituliert, und gingen.
Die Veranstaltung muß auch ziemlich schnell noch am Sonntagnachmittag beendete worden sein. Als ich gegen 17.00 Uhr dort vorbei joggte, war der Parkplatz leer, bis auf den LKW mit dem schon verladenen Karussell. Einsam schaukelten die Boote im Hafen. Niemand war auf der Strasse zu sehen. Fast alle Hotels hatten plötzlich wieder freie Zimmer und in der noch offenen Kaufhalle verloren sich zwei Kunden. Auch in der größten Stadt der Nordostküste werden eben schon am frühen Abend die Bürgersteige hochgeklappt.