Neuere Entwicklung

In den letzten Jahren haben sich aber auch die Bedingungen für internationale Firmen in Down under deutlich verbessert. Der bessere Markt, die mehrsprachigen Arbeitsnehmer, die Rolle Australiens in der APEC, wobei die großzügige Australienhilfe für die Tsunami Opfer unvergessen ist, sind für viele Firmen mit Stammsitz in Südostasien sind das Gründe, in Australien ansässig zu werden. Darunter auch die deutsche Lufthansa, die zum Beispiel das weltweite Buchungssystem über Melbourne abgewickelt.

Viele internationale Investoren beteiligen sich sehr gern an den australischen Großprojekten. Als Beispiel sei nur die Investorgruppe, unter amerikanischer Flagge stehend, für den Bau der Eisenbahnstrecke der Ghan und den Ausbau des Hafens von Darwin genannt. Überhaupt sind die USA Australiens größter Handelspartner. Und ein 2004 ratifiziertes Freihandelsabkommen soll die wirtschaftlichen Beziehungen noch enger werden lassen. Auch Japan, als ein Hauptabnehmer australischer Rohstoffe und landwirtschaftlicher Produkte wurde so mittlerweile zum drittgrößten Investor in Australien. Man versucht auch in bilaterale Beziehungen zur EU zu kommen. So würde man gern den europäischen Markt für australische Produkte nutzen und bietet im Gegenzug die geförderte Möglichkeit von Investitionen in Australien. Die Deutsche Bank hat den Bau der unterirdischen Autotrasse in Sydney finanziert. Wie gesagt, Investoren sind jederzeit willkommen. Gebaut wird aber, wenn möglich, von den Australiern.
Im November 2005 hat Howard den Bogen vielleicht etwas überspannt. Aber er hielt sich an seine Regierungserklärung für die neue Regierungsperiode: völlige Privatisierung des Telekommunikationssektors, die weitere Lockerung des Kündigungsschutzes, sowie die Schaffung einer Unternehmermentalität in Australien.

Natürlich fanden schon immer Arbeitskämpfe zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Regierung statt.
Immerhin galt Australien lange als ein sehr streikfreudiges Land und manch ein Tourist litt in den 80er Jahren unter den Flugpersonalstreiks. Inzwischen ist die Streikrate allerdings auf unter 10% des Niveaus von 1983 zurückgegangen.
Immer noch existieren in Australien rund 300 Gewerkschaften, in denen mehr als 50% aller Beschäftigten organisiert sind. Die Löhne und Arbeitsbedingungen sind daher recht gut. Schon Anfang der 50er Jahre setzten die Gewerkschaften die 40-Stunden-Woche durch. Heute ist die 5-Tage-Woche mit 38 Stunden und 4 Wochen Jahresurlaub die übliche Regelung. Dazu werden 10 Feiertage und zwischen 5 und 10 Krankheitstage bezahlt. Nach einer Beschäftigungszeit von 10 bis 15 Jahren im gleichen Betrieb erhalten viele Arbeitnehmer zusätzlich einen bezahlten Sonderurlaub “Long Service Leave” von zwei bis drei Monaten. Die gesetzlichen Mindeststundenlöhne werden zwischen der Bundesregierung und den Gewerkschaften in Tarifabkommen festgelegt. Das dient auch zum Schutz der etwa 40% Arbeitnehmerinnen.
Die letzte große Machtprobe zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmern, als 1998 2100 Hafenarbeiter fristlos entlassen wurden, als Streiks, Massenproteste und Gerichtsverhandlungen die Arbeitslandschaft bestimmten, war schon vergessen, als Howard mit einem Gesetzentwurf plante den Kündigungsschutz zu unterlaufen. Er begründete sein Vorhaben mit der Sicherung der bestehenden und Schaffung neuer Arbeitsplätze in Australien.

Mehr als 3,6 Millionen Arbeitnehmer/Innen, die in Unternehmen mit weniger als 100 Beschäftigten arbeiten, würden ihr Recht gegen unbegründete Entlassungen verlieren. Gewerkschaften oder Einzelpersonen, die für ihre Rechte eintreten, könnten mit bis zu $ 33.000 (EUR 20.600) Geldstrafen rechnen. Die Regelung der Mindestlöhne wird geändert, was ein Sinken der Mindestlöhne zur Folge hätte. Das Recht auf Kollektivvertragsregelungen soll zu Gunsten von individuellen Arbeitsverträgen eingeschränkt werden. Das würde Änderungen bei der Überstundenregelung, bei Feiertagszuschlägen, den Pausen, dem Urlaub und der Abfertigungen bedeuten. Insgesamt sollte die Macht der Gewerkschaften erheblich beschnitten werden, da ihnen Zutritt zu den Arbeitsplätzen eingeschränkt oder sogar total verboten würde. Das Gesetz beinhaltet eine Regelung, nach der Arbeitnehmer/Innen in der Baubranche mit Haftstrafen von bis zu sechs Monaten rechnen können, wenn sie sich weigern an geheimen Absprachen teilzunehmen.
Wir hatten gerade in Cairns Station gemacht, als wir im TV von den machtvollen Demonstrationen gegen Howards Politik erfuhren.

Über eine halbe Million Arbeitnehmer/Innen sind am 15. November während der Arbeitszeit auf die Strasse gegangen, um gegen diese Gesetze der rechten Regierung unter John Howard zu protestieren. Allein 250 Tausend Menschen protestierten in Melbourne gegen die „Industrial Relation laws“. Vielleicht auch deshalb, weil im gleichen Zeitraum Telstra (vormals Telecom) ankündigte in absehbarer Zeit 12.000 Arbeitsplätze abzubauen, da das von der Regierung geförderte Mobile Netzwerk für Australien nunmehr Arbeitskräfte entbehrlich macht. Der Protest wird als einer der größten Antiregierungskampagne in der Geschichte Australiens bezeichnet.

Zum angedrohten Generalstreik ist es nicht gekommen. Der Einfluss des PM auf die Zeitungskonzerne zeigte schon ab 17. November Wirkung. Alles wurde heruntergespielt. Dazu kam Howard zwei Wochen später vom APEC Gipfel mit neuen Investitionsvorhaben ausländischer Geldgeber zurück. Natürlich ist die Bereitschaft der Konzerne , in einem industriellen Land mit stark eingeschränkten Kündigungsschutz zu investieren sehr groß, da hier schon eine in den Entwicklungsländern noch zu schaffende Infrastruktur vorliegt. Das Problem bei einer solchen zweischneidigen Situation ist, dass man seit der Globalisierung dem Arbeitgeber im Großen keine Sozialverträglichkeit, sondern nur noch Profitorientierung zutrauen darf.

Doch hatte diese Ankündigung zur Folge, dass der Premier mit neuen, Zukunft orientierten Wirtschaftverträgen, unter anderem sogar mit Pakistan, von der APEC wieder nach Australien kam.
Dem steht die zurzeit wirklich einzigartige Entwicklung der Wirtschaft entgegen. Die Bedarfsdeckung allein des chinesischen Marktes sichert Arbeitsplätze. Bis, ja bis die Chinesen die Konsumgüterproduktion selbst übernehmen und als Billiganbieter wohl auch den australischen Markt dann überfluten.

Ein Blick auf die derzeitige Infrastruktur der australischen Wirtschaft ist äußerst interessant
Auch im zurückliegenden Haushaltsjahr (Juli 2004 bis Juni 2005) und damit im dreizehnten Jahr in Folge wird ein deutliches Wachstum verzeichnet, obwohl inzwischen eindeutige Zeichen einer Konjunkturberuhigung erkennbar sind. Nach einem Wachstum von 4,1% (2003/2004) betrug die Wachstumsrate für 2004/2005 nur noch (saisonbereinigt) 2,3%. Die durchschnittliche Wachstumsrate der letzten zehn Jahre liegt damit bei 3,7%. Die Arbeitslosenquote bleibt auf einem historisch niedrigen Stand von 5,1% und Inflationsrate und Zinsniveau sind niedrig. Der Haushalt 2005/2006 sieht ein weiteres Mal einen Überschuss von 8,9 Mrd. AUS-Dollar vor.

Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten wird für Mai 2005 mit 4112 AUS-Dollar angegeben (das entspricht 2550 Euro). Im Zeitraum Mai 2004 bis Mai 2005 stieg das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten um 5,8%. Australien ist neben den USA das einzige Industrieland, in dem Frauen (außer im öffentlichen Dienst) keinen generellen Anspruch auf bezahlten Mutterschutz haben. Der Arbeitsmarkt ist insgesamt arbeitgeberfreundlicher als in Deutschland.
Von Staatsverschuldung wird nicht mehr gesprochen.

Allerdings gibt es eine hohe private Auslandsverschuldung und eine wirtschaftliche Unsicherheit des verarbeitenden Sektors. Man kennt das chronische Leistungsbilanzdefizit und hofft auf die Behebung durch ein gutes Investitionsklima. So sieht das auch die Deutsch- Australische Industrie- und Handelskammer in Sydney, die zwar die deutsche Industrie in Australien recht gut platziert sieht, jedoch eine verstärkte Nutzung des bestehenden Potentials durch kleinere und mittlere Firmen aus Deutschland für sehr wünschenswert hält., da Australien bei relativ niedrigem Lohnniveau über einen hohen Ausbildungsstand verfügt. Die politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen sind stabil. Deutsche Unternehmer, die sich von Australien aus im Asiengeschäft engagieren, finden in Australien relativ einfach Fachkräfte, die asiatische Sprachen beherrschen.

Australiens Wirtschaft wird vom Dienstleistungssektor dominiert (über 80% des BIP 2003/2004). Demgegenüber entfallen auf industrielle Produktion 10,6%, Bauwirtschaft 6,2%, Bergbau 4,2%, Landwirtschaft 3,2% sowie Strom-, Gas- und Wasserversorgung 2,2% des BIP.